PERMAACTIVITY – oder: der Verlust jeder digitalen Lücke

 

Der Mensch hat sich im Laufe der vergangenen Jahrzehnte daran gewöhnt einen Knopf drücken zu können. Ein kleines, kybernetisches Ding, das einen Prozess auslöst, welcher, natürlich unterschiedlich komplex, ohne diesen Knopf kaum oder nicht auslösbar wäre.

 

Wenn man sich für einen Moment die Entwicklung von Medien, welcher Art auch immer, zur Steuerung unserer Welt, betrachtet, dann waren Menschen die längste Zeit daran gewohnt, jede Form einer Information passiv zu betrachten, zu betasten, zu interpretieren, um daraus irgendwelche Schlüsse zu ziehen. Das war meist überlebenswichtig und prägte die menschliche Entwicklung grundlegend. Vor allem unser meist unbewusster, intrinsischer Umgang mit der Welt basiert auf der Beiläufigkeit passiver Kommunikation mit der Welt ausserhalb von uns.

 

Die Betrachtung einer Weggabelung, gemacht von Anderen, die vor uns in die gleiche Richtung gingen, folgt dabei der gleichen Logik wie das Lesen eines Verkehrshinweises im heutigen öffentlichen Raum, oder die Präsenz, die mögliche Attraktivität und Lesbarkeit eines Plakates.

 

Aktive Medien, wie schon zu Beginn angesprochen, zeigten einen radikalen Wandel. Plötzlich gibt es die Möglichkeit, einen mehr oder minder komplexen Regelkreis auszulösen. Schon in der Antike spricht Homer von dem Begriff als ‚Steuermann‘, generell ‚von der Fähigkeit zu leiten‘. Wir drücken einen Knopf und lösen etwas aus. Das ist ein begrenzt bi-direktionaler Vorgang. Ein aktiver Auslöser startet eine Aktion.

 

Der Fernseher geht an, die Lampe leuchtet, die Tür geht auf. Ein relativ niederkomplexes System folgt der einen Anweisung über den einen Knopf. Die Metapher des Knopfes steht geradezu für den geometrischen Erfolg der industriellen Entwicklung in den vergangenen knapp zwei Jahrhunderten. Die anfängliche Mechanik eine Knopfs wurde durch das elektromagnetische Relais schliesslich revolutioniert. Ein Relais, vom Wortstamm aus dem französischen für den Pferdewechsel bei Postkutschen, zeigt das kleinste Element des späteren Transistors und damit der Entwicklung der darauf aufbauenden komplexeren Systeme.

 

Dies nur in aller Kürze, da es hier nicht um Mediengeschichte geht, sondern nur um die nachvollziehbare Unterscheidung zwischen den jeweiligen Zuständen, wie Menschen mit Medien, zunehmen digitalen Medien, um gehen.

 

Schliesslich entwickelte sich aus dem Transistor das, was wir in der Normalität unseres Alltags als zentralen Baustein (Chip) eines Computer, in Form digitaler Medien kennen. Medien, die ihre ursprüngliche Form als Computer immer mehr zu verlieren scheinen. Auch hier geht es nicht um Computer, sondern um den Begriff und das Phänomen der Interaktivität, was seit den 1980er Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Art und Weise, wie Menschen die Welt verstehen, steuern und sich als produktive Wesen wahrnehmen, geradezu revolutioniert hat.

 

Interaktivität ist im Kern ein bi- bzw. ein multidirektionaler Prozess mit einem System, welcher einen chronologischen Vorgang durch den Menschen startet und – das ist das wichtige – wieder durch diesen Menschen beendet wird. Das Wesen eines interaktiven Systems liegt also in seiner möglichen Begrenztheit, die der Anwender (der seit der gesellschaftlichen Durchdringung von Computern so genannt wird) durch die Interaktion mit einem digitalen System steuern lässt.

 

In der Folge wurden die Möglichkeiten komplexer. Mit der Integration sozialer Bedürfnisse auf kollektiven Portalen (social media) und generell als wesentliches Potenzial des Internets, wurde die Vernetzung in diesem sozialen Raum komplexer, die Ausschliesslichkeit der Zeit vor und nach diesem Prozess allerdings blieb. Dadurch verkörpert, als die Person, der Anwender den Ort der Interaktion räumlich verliess.

 

Es ist auch vollkommen egal, um welches Ergebnis, welche Aufgaben es in diesem digitalen Zeitraum der Anwendung geht, das Prinzip bleibt gleich. Ich interagiere mit dem System jetzt. Und jetzt nicht.

 

Dieses Prinzip hat sich mit dem Beginn dieses Jahrhunderts grundsätzlich verändert. Mit den technischen Möglichkeiten der kabellosen und raumübergreifenden Nutzung digitaler Daten und den heute normalen Medientypen, vorneweg das Smartphone, hat ein im Kern anderen Typus des Umgangs innerhalb von digitalen Prozessen begonnen. Die nicht-digitale Präsenz verschwand aus der Chronologie des Anwenders, einfach durch die Tatsache, dass das Medium zum – körpernahen – Teil des Trägers, des Menschen wurde und damit eine Art der individuellen digitalen Aura um ihn geschaffen hat, die in der Folge nicht mehr verlassen werden kann.

 

Auch wenn die Person das technische Medium (als Zugang) verlässt, indem dieses ausgeschaltet wird, bleibt der Zustand der Permanenz erhalten. Das System wartet, es lauert auf das Wiedereinschalten und spekuliert in der Zeit dazwischen über den Anwender in seiner temporären Abwesenheit. Wie das treue Haustier, der domestizierte Hund, weicht das Medium nicht mehr vom Menschen ab dem Augenblick, ab dem die Person die Welt des permanenten Zugangs zu Informationen, der permanenten Kommunikation und Transaktion betreten hat. Jede Aktivität generiert in jedem Augenblick eine immer stärkere Verbindung, vergleichbar mit einem Muskel, einem Pfad, welcher permanent deutlicher ausgetreten wird und damit auch die Möglichkeiten anderer Wege immer mehr in den Hintergrund rücken lässt.

 

Gerade dieser allzu menschliche Reflex zur Bindung und Gewohnheit, positiv und kulturell aufgeladen sprechen wir gerne von Treue, ist schliesslich eine Art Humus für jenes Phänomen, wie Menschen dazu bereit sind, ihr Leben in ein digitales Gefäss zu füllen, das keinen Deckel mehr hat und unserem Leben eine generell neue Basis zu geben scheint.

 

Zusammenfassend kann man sagen: Kontext und Kausalität ist das zentrale Stichwort, eine Art Servolenkung digitaler Medien. Sie schaffen extreme Möglichkeiten für den individuellen Menschen. Alleine diese extreme und damit permanente Überhöhung von jedem Einzelnen schafft das Suchtpotenzial, mit dem die digitale Durchdringung in der globalen Gesellschaft erklärbarer wird.

 

Eine zeitlich und vom Anwender bewusst definierte mediale Kommunikation löst sich also zunehmend in einem permanenten digitalen Hintergrundflimmern auf, welches als eine Art digitales Fluidum das Individuum zunehmend komplett umgibt. Es entsteht eine Art ‚digitaler Sauerstoff‘, welcher alle Lebensbereiche durchdringt und damit transparent gestaltet.

 

Diese relativ neuen Möglichkeiten scheinen beim Menschen ein erstaunlich positives Delta im Vergleich zum Vergangenen schaffen zu können. Einen permanenter Endorphinzufluss im Kopf des Anwenders, der irgendwann nicht mehr hinterfragt, was er damit an autarker Eigenständigkeit und eigener Position aufgibt.

 

Der Nutzen, der durch die Aufgabe privater und intimer Informationen und damit der Hingabe an das digitale Ambiente entsteht, scheint also grösser zu sein als der wahrgenommene Verlust.

 

Auf der anderen Seite, im nicht sichtbaren Raum dessen, was nicht präsent, nicht transparent für den Konsumenten, also im Hintergrund stattfindet, werden die extremen ökonomischen Potenziale im Zusammenhang der GLOBALEN DIGITALISIERUNG deutlich. Und dieser Trend einer radikalen neuen ökonomischen Grundordnung beginnt erst, jedoch mit stetiger Deutlichkeit in dieser Dekade. Dazu mehr in dem Text SYSTEMISCHE ÖKONOMIE.

 

Copyright: Carl Frech

 

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