SYSTEMIC ECONOMY – oder: der Abschied vom Produkt

 

Wenn man bis vor wenigen Jahren an das Thema Wirtschaft gedacht hat, dann war das eine relativ eindeutige Vorstellung. Auch wenn jedem klar war, dass es sich um einen komplizierten Bereich menschlichen Lebens handelt, so konnte man sich darauf einigen, dass es im Grund so ist, dass jemand irgendwann einmal eine gute Idee hatte, angetrieben von dieser Idee ein Unternehmen gründete, seine Idee damit umsetzen konnte und diese dann als Produkte anderen Menschen, die damit Käufer wurden, anbot und verkaufte. Ähnlich stellt man sich das üblicherweise natürlich auch für Dienstleistungen vor, aber wir wollen das Thema an dieser Stelle nur allgemein beschreiben.

 

Karl Marx, im Jahr 1818 in Trier geboren, hat in seinen Schriften den Kern der damaligen neuen und revolutionären Sicht auf die Unterschiede der jeweiligen gesellschaftlichen Gruppen beschrieben. Die Anhäufung des Reichtums beschrieb er als ungleich verteilt. Die Arbeiter würden einen Wert leisten, der nur zum Teil der Gesellschaft als Ganzes zugute kommt. Der sogenannte Mehrwert würden jene erhalten, die eben auch das Mehr in einer Gesellschaft besitzen. Er zeigt dort ein Bild der Arbeitswelt, bei der er die Last des Arbeiters als Tauschwert bezeichnet. Sein Produkt wird zum Gebrauchswert. Das positive Delta eben zur Rendite des Produzenten.

 

Für Karl Marx war dieser Umstand eine Form von Ausbeutung, welche in der Folge die gesellschaftlichen Systeme weltweit verändern sollten. Er starb im Jahr 1883.

 

Im gleichen Jahr hat Gottlieb Daimler seine Patentrechte für einen Gasmotor mit Glührohrzündung und der damit verbundenen Möglichkeit die Geschwindigkeit zu regulieren, angemeldet. Im Jahr 1886 fuhr das erste dreirädrige Automobil aus seiner Garage und sollte in der Folge die Welt grundlegend verändern.

 

Das Beeindruckende dieser Veränderung lag nun weniger im Aufbau extremer produktiver Kräfte rund um das Automobil selbst. Beeindruckend war die disseminierende und dissruptive Wirkung dieses neuen Produktes. Alles wurde damit verändert und sehr viel zerstört, was bis dahin der konventionelle Standard der industrialisierten globalen Realität war.

 

Das wäre im Prinzip schon genug. Wichtig ist jedoch die intrinsische Wirkung dieser kollektiven Veränderungsprozesse. Wie bei einer Flüssigkeit, die sich ihren Weg immer dorthin sucht, wohin sie fliessen kann, hat die Einführung des Automobils schlicht das Denken und kollektive Bewusstsein der Menschheit neu ausgerichtet. Die vorstellbaren Möglichkeiten erfuhren fortan eine Beschleunigung, welche davor in dieser Form von der Masse der Menschen nicht vorstellbar war.

 

Jene Menschen und damit verbunden auch jene Unternehmen, die diese Potenziale früh erkannten, wurden zu den Gewinnern einer Veränderung, die einer gewissen Logik zu folgen schienen.

 

Systemtheoretiker wie der russische Wirtschaftswissenschaftler Nikolai Kondratjew beschrieben in dieser Zeit die Theorie der Langen Wellen, welche die produktiven Kräfte der Wirtschaft folgen würden. Kurz gesagt, beschreiben die Kondratjew-Zyklen Veränderungen in der globalen wirtschaftlichen Entwicklung, die sich in einem Zeitraum von ca. 50 Jahren zum führenden ökonomischen Impulsgeber entwickeln, einen Grossteil der Investitionen binden und nach diesem Zeitraum einer umfassenden wirtschaftlichen Veränderung wieder zum Opfer fallen.

 

Kondratjew begann seine Zyklen Anfang des 18. Jahrhunderts mit dem Potenzial der Dampfmaschine und hat in der Folge den Einfluss der Stahlindustrie und Eisenbahn, dann der Elektrizität und Chemie, schliesslich – und damit mehr als 50 Jahre nach der Erfindung des Automobils – die der Petrochemie und dem Automobil beschrieben. In der Folge wurde ab den 1990er Jahren des vergangenen Jahrhunderts der Zyklus der Informationstechnologie genannt, welcher fortan der zentrale Impulsgeber der globalen Wirtschaft zu sein scheint.

 

Nun darf man nicht vergessen, dass Konrad Zuse, im Jahr 1910 in Berlin geboren, im Jahr 1938 mit seinem sogenannten Z1, einem elektrisch angetriebenen mechanischen Rechner, welcher das erste Gerät war, das mit binären Zahlen arbeitete, ein Ein- und Ausgabewerk, ein Rechenwerk, ein Speicherwerk und ein Programmwerk hatte, ungefähr 50 Jahre vor dem Beginn der Computerisierung unserer Welt die Basis dafür schuf.

 

Der kanadische Wissenschaftler Harold Innis, im Jahr 1894 geboren und im Jahr 1952 gestorben, hat im Eindruck dieser Entwicklung als Experte der Medien- und Kommunikationstheorie drei Wirkungen der Innovation und der Kommunikationstechnologie beschrieben: 1. Sie verändert die Struktur der Interessen (die Dinge, über die nachgedacht wird). 2. den Charakter der Symbole (die Dinge, mit denen gedacht wird) und 3. das Wesen der Gemeinschaft (die Sphäre, in der sich Gedanken entwickeln).

 

Darüber lohnt es sich einen Moment nachzudenken. Vor allem im Hinblick auf die aktuelle Situation der Wirkung digitaler Medien im kollektiven Bewusstsein unserer Gegenwart.

 

Jaron Lanier, 1960 in New York geboren, ein US-amerikanischer Informatiker, Künstler, Musiker, Autor und Unternehmer, der für sich in Anspruch nehmen darf, den Begriff Virtual Reality geprägt zu haben, sagt, mit dem Blick auf Unternehmen wie Google, Amazon oder Facebook: You are the product!

 

Damit beschreibt er die Zensur, die ich mit dem Begriff SYSTEMIC ECONOMY im Kern verbinde: eine Art Schubumkehr der Ökonomie, die es so in der Geschichte der Menschheit nicht gegeben hat.

 

Wenn wir die Einflüsse der Medienentwicklung, voran die der digitalen Medien, auf alltägliche Gewohnheiten, auf das Denken und die unbewusste Haltung und den damit verbundenen Handlungen betrachten, dann kann man aus meiner Sicht drei wichtige Veränderungen feststellen:

 

Das Objekt wird zum Komplex

 

Wir verlieren zunehmend die Fähigkeit, das einzelne Objekt in seinem Wert und seiner Bedeutung zu erkennen und einen Platz in unserem Leben zu geben. Die permanenten Möglichkeiten zum Ersatz, zum Austausch, führen zu einer flüchtigen Gestaltung unseres Lebens und seiner Bereiche. Wir nehmen die Orte unseres Lebens zunehmend als Zwischenräume war, die wir permanent verlassen und verändern. Es scheint, als dass der Komplex zu der Wahrnehmungsinstanz geworden ist, wo wir das Einzelne noch erkennen, aber nur im Zusammenspiel einer grösseren Ordnung. Wir nennen dies heute gerne SHARING, aber statt damit den sozialen Wert des Teilens zu meinen und damit auch die persönliche Aufgabe zum Nutzen anderer, geht es vor allem um den individuellen Nutzen im Fluss der kommerziellen Möglichkeiten.

 

Die Funktion wird zum Kontext

 

Wie schon im dem Text zum Thema Permaaktivität gesagt, verbindet sich die einzelne Funktion dessen, was wir tun und auslösen, ebenfalls zunehmend mit einem System und den damit verbundenen Funktionen. Schlicht weil es die Digitalisierung erlaubt, werden die Dinge unseres Lebens in einer virtuellen Parallelwelt miteinander verbunden. Wir nennen dies heute gerne SMART und meinen damit die Idee, dass alles miteinander vernetzt ist und dadurch ein Wert an sich entsteht.

 

Position wird zur Relation

 

Wenn wir die Durchdringung sozialer Medien heute betrachten, dann kann man provokativ feststellen (abgesehen von der dumpfen Feigheit irgendwelcher Kreaturen, die in digitalen Schützengräben kauern): die Fähigkeit zur individuellen und belastbaren Position, der Mut zu einer eigenen Meinung mit Bestand und der damit verbundenen grundsätzlichen Überzeugung, weicht dem permanenten Suchen und Abgleich mit ähnlich Denkenden, mit dem notorischen Vergleichen in einer virtuellen Öffentlichkeit, deren Bedeutung zunehmend die eigene Sicht, vor allem das Vertrauen in die eigenen Wahrnehmung zu ersetzen scheint. Die Welt spiegelt sich dabei in immer kleineren Gebilden der externalisierten Themen jedes Einzelnen. Wir nennen dies heute gerne SOCIAL MEDIA und verbinden damit die Hoffnung, Teil einer grösseren Welt zu sein und damit die grenzenlose Überhöhung unserer individuellen Möglichkeiten.

 

Verbinden wir die hier genannten Themenfelder Automotive und Digitalisierung, dann kann man, mit Blick auf die öffentliche Wahrnehmung der vergangenen ca. zwei Dekaden feststellen, dass die sogenannte alte Industrie verzweifelt versucht, nicht alt auszusehen. Das Problem der Unternehmen ist, dass sie ein konkretes Produkt haben, das in der Logik inkrementeller Fertigung diese herstellt und dafür Kunden finden muss, welche dafür bezahlen. Einen wesentlicher Aspekt wirtschaftlicher Risiken hat die Automobilindustrie überwiegend auf ihre Kunden übertragen können: Die verlockende Möglichkeit, das Produkt nach den individuellen Wünschen konfigurieren zu können, führte zu einer signifikanten Reduktion der Zwischenlagerung und dem damit verbundenen Warten auf Käufer.

 

Trotzdem bleibt das Kernproblem: einem Unternehmen wie (da oben beispielhaft genannt) Daimler Benz, traut man zu, gute Produkte zu bauen, welche Menschen und Dinge transportieren. Auch damit verbundene Ideen, andere Produkte und Dienstleistungen, die im weitesten Sinn diesen Zweck erfüllen, traut man diesem Unternehmen zu.

 

Die globale Öffentlichkeit scheint nicht bereit zu sein, diesen identitätsstiftenden Kern eines Unternehmens schnell aufgeben zu wollen. Man könnte auch sagen, dass diese, recht archaische Haltung zur Überlebensstrategie des Menschen schon seit jeher gehörte: einmal gemachte Erfahrungen werden tief in den vertrauten Gewohnheiten des Lebens vergraben und je tiefer diese Gräben ausgehoben wurden, desto unbeweglicher scheinen die darin vergrabenen Überzeugungen zu sein.

 

Nun ist das Prinzip inkrementeller Produktion üblicherweise oft Teil von Produkten; je komplexer umso relevanter. Betrachten wir die Architektur und die Tatsache, dass ein Haus erst eine Grundbebauung, ein Fundament haben muss, auf dem man aufbauen kann, dann liegt in dieser und endlos vielen anderen Tatsachen etwas grundsätzliches, nicht veränderbares.

 

Allerdings gibt es seit ca. zwei Jahrzehnten Unternehmen wie Google, aber auch Amazon und Facebook, die einer komplett anderen und damit neuen wirtschaftlichen Logik folgen. Möglicherweise könnte man auch sagen, dass diese Unternehmen, ca. 200 Jahre nach der Industrialisierung, die ökonomischen Grundlagen verändern und auf einem neuen Boden etwas vollkommen neues aufbauen.

 

Google hat im Kern kein Produkt. Es wird in Bezug auf seine zentrale Idee und damit seinen Unternehmenszweck (dadurch wird seine Identität geprägt) nicht als produktives Unternehmen im klassischen Sinn wahrgenommen, sondern als eine Quelle permanenter Veränderung, befeuert durch die totale Integration unserer Welt als digitale Version.

 

Die zentrale Position, die das Unternehmen Google besetzt hat, ist die grenzenlose Verwertung von Daten und den damit verbundenen Potenzialen. Und diese tendieren mit jedem Tag, an dem Google dies tut, in geometrische Superlative, für die es keine Konkurrenz mehr geben kann. Einfach deshalb, da das Unternehmen zwar auch, ergänzt durch hunderte Unternehmen, die unter dem Dach des Mutterkonzerns Alphabet (der Name vermittelt schliesslich den selbst gesteckten Anspruch), konkrete, physikalisch unfassbare Produkte im Angebot hat. Aber diese Produkte sind nur transmittierende Hubs für das Geschäft mit Daten, sie sind vollkommen irrelevante Zwischenlösungen in unserer konkreten, noch anfassbaren Welt, bis auch diese ihre Auflösung finden können und als Datenpaket genügen.

 

Das Prinzip mit dem Google dabei arbeitet folgt der Iteration, also der permanenten Wiederholen und damit der Suche nach dem immer perfekteren Ergebnis. Dabei folgt das System keiner zwingenden Ordnung. Schon Marvin Minsky, einer der Gründerväter des Begriffs Künstliche Intelligenz im Jahr 1956 (gemeinsam mit John McCarthy, Nathaniel Rochester und Claude Shannon) hat in seinem Buch Mentopolis den Begriff Heterarchie erläutert. Er meinte damit eine komplette Unterordnung jeder Struktur (ob gleichrangig oder streng hierarchisch) in Bezug auf das bestmögliche Ergebnis.

 

Damit war die Grundidee dessen beschrieben, was Software mit Daten macht: alles wird permanent optimiert, alles ist auf einer Metaebene miteinander vernetzt und durch die Integration der Komponenten Zeit (process mining) sind Potenziale entwickelbar, die man heute mit deep learning, mashine learning oder auch mit predictional learning bezeichnet.

 

Warum sollte Google wissen, dass auf einer einsamen Küstenstrasse in Sizilien der Verkehr an einem späten Nachmittag im September etwas dichter werden könnte? Nun, klar ist, dass Google über die mobilen Daten der Smartphones der dortigen Autofahrer natürlich weiss, wie viele Fahrzeuge dort unterwegs sind.

 

Google kennt damit selbstverständlich auch die Postion und die Geschwindigkeit der Fahrer in diesen Fahrzeugen. Google kennt aber auch die sozio-geografischen Daten dieses Ortes, vergleicht diese mit ähnlichen Orten weltweit, kennt das Wetter vor Ort und damit weitere Einflussfaktoren für die Berechnung und damit die Wahrscheinlichkeit des aktuellen Verkehrs. In Zukunft kennt Google aber auch den Gesundheitszustand des einzelnen Fahrers, kennt seinen Kalender und somit auch seine annehmbare Müdigkeit um diese Zeit. Google kann Rückschlüsse auf die psychische Verfassung berechnen, in dem die Stimme des Fahrers (solange er noch selbst fährt) durch die Kommunikation mit dem Assistenten von Google ausgewertet wird, analysiert die Oberflächenspannung der Haut, kennt diese Informationen natürlich von allen Fahrerinnen und Fahrern und überhaupt von allen Menschen und Angeboten in diesem Gebiet und nutzt all diese Informationen, um einen unwiderstehlichen Service der Welt und damit all ihren Bewohnern anzubieten, der ebenso unwiderstehlich ist, wie wenn Kinder sich von einer höheren Stufe einer Treppe in die Arme ihrer Eltern fallen lassen. Wer will da nicht springen?

 

Ich nenne diesen grundsätzlichen neuen Ansatz der Wirtschaft SYSTEMIC ECONOMY, da er in vollkommener Disruption alle relevanten Faktoren produktiver Prozesse in einer Weise abwertet, dass die Gestaltung der Zukunft sicher neue Vorzeichen und neue Vorbilder erhalten wird. Vorzeichen, die auch geopolitisch vermutlich zu neuen Ordnungsszenarien führen werden.

 

Dies in Einklang mit dem zu bringen, was auf diesem Planeten zum Erhalt der grundlegenden Strukturen für menschliches Leben notwendig ist, ist eine herausfordernde, aber auch eine spannende Aufgabe.

 

Eine Aufgabe, die nicht zuletzt ein kreativer und den Menschen zugewandter Prozess sein sollte. Wenn auch nur im Kleinen.

 

Copyright: Carl Frech

 

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